Warum uns das Fühlen so schwerfällt

Liebe Eltern, liebe Interessierte,

 

neulich in einer meiner GFK-Übungsgruppe teilte eine Teilnehmerin eine sehr ehrliche Beobachtung mit uns:

„Die GFK ist für mich oft eine Methode, bei der man extrem viel im Kopf ist, um Situationen zu analysieren und herauszufinden, was los ist. Um wirklich in den Körper zu kommen, brauche ich ergänzende Disziplinen wie Embodiment Work oder Somatic Experiencing. Ich finde, die GFK allein leistet das nicht."

Als Trainerin und Coachin der GFK hat mich die Aussage zum Nachdenken gebracht – und ich möchte diese Perspektive gerne um einen entscheidenden Gedanken erweitern.

 

Das Ziel von Marshall Rosenberg war es, eine lebendige Sprache des Herzens zu etablieren. Genau deshalb fragt der zentrale 2. Schritt (Gefühl) bei der klassischen GFK-Methode ganz konkret: Was spüre ich beim schildern einer Situation eigentlich gerade in meinem Körper? Das Fühlen ist unser wichtigster Wegweiser, um überhaupt herauszufinden, was wir wirklich brauchen.

Wenn wir die GFK im Alltag dennoch als kopflastig erleben, liegt das aus meiner Sicht nicht an der Methode. Das Problem sitzt tiefer: Viele von uns haben das echte Fühlen schlichtweg verlernt oder sind phasenweise komplett davon abgespalten.

Es geht in der GFK immer um das Gefühl, das genau JETZT in deinem Körper aktiv ist. Denn nur das können wir wirklich in der Präsenz wahrnehmen.

 

Doch warum fällt uns dieser unmittelbare Zugang so schwer?

In unserer Kultur haben viele von uns gelernt, den Körper primär als eine funktionierende Hülle zu betrachten, die den Verstand von A nach B transportiert. Wir glauben, der Kopf müsste alles regeln und kontrollieren.

Wenn wir im stressigen Alltag stecken, reagiert unser System meist auf drei Arten, die uns vom echten Spüren abschneiden:

  • Wir analysieren alles: Wir zerdenken die Situation, denken die Wut oder Trauer zu fühlen, bleiben dabei aber rein rational im Verstand. Wir fühlen nicht, wir denken das Gefühl nur nach.

  • Der Überlebensmodus: Wenn die chronische Belastung zu hoch ist, schaltet das Nervensystem auf Schutz. Wir fühlen uns innerlich taub, wie betäubt oder komplett abgeschnitten von uns selbst. Wir funktionieren nur noch.

  • Das tiefe Gap: Wer als Kind die Erfahrung machen musste, dass für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse kein sicherer Platz war, trägt oft eine tiefe Kluft zwischen dem Erleben im Außen und der Wahrnehmung im Innen in sich.

 

Die Gefühle wurden als Emotionen (wie Erinnerungskapseln) abgespeichert.  Die Traumaexpertin Verena König erklärt, Trauma entsteht nicht nur durch große Schockereignisse, sondern oft durch das, was uns dauerhaft fehlt. Durch solche Bindungsverletzungen oder kleine "Mini-Traumata" spalten wir bestimmte Emotionen unbewusst ab, um irgendwie funktionieren zu können. Diese frühen Erlebnisse prägen unser Nervensystem tiefgreifend. Das führt dazu, dass wir uns heute in bestimmten Momenten wie abgetrennt fühlen – was damals ein genialer, lebensrettender Schutzmechanismus war, macht uns heute den Zugang zum Fühlen schwer.

 

Die Büchse der Pandora

Häufig schwingt dabei eine ganz leise, aber existenzielle Sorge mit: Wenn ich jetzt wirklich anfange, all die angestaute Wut, die Angst oder die Trauer fließen zu lassen – öffne ich dann nicht die Büchse der Pandora? Bricht dann nicht alles über mir zusammen?

Emotionen wollen einfach nur fließen. Sie sind wie Wellen, die auch wieder abebben, sobald sie da sein dürfen. Aber um wieder sicher in dieses Fließen zu kommen, bedarf es zuerst einer behutsamen Wiederannäherung an den eigenen Körper. Ohne diese körperliche Sicherheit bleibt jede Kommunikationstheorie nur ein trockenes Konzept.

Gerade deswegen ist eine professionelle Begleitung durch Coaching oder Therapie auf diesem Weg so wertvoll. Echte Integration beruht auf tiefem Vertrauen – auf dem Vertrauen, dass da ein Gegenüber ist, das deinen Schmerz und deinen Kummer sicher halten kann, wenn es für dich allein gerade zu viel ist.

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Veröffentlichung

Mi, 19. August 2026

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